mode macht madonna

 

Imitationen von dir

Wiederholen sich in mir

Imitationen von dir

Klopfen an die Tür

Und leise reden sie mir ein:

“Du musst nicht du selber sein”

Und leise reden sie mir ein:

“Wir werden dich von dir befreien”     Tocotronic

 

oberflächen

Madonna macht Mode. Sie singt im Hochzeitskleid gegen Keuschheit, presst ihre Brüste in spitze Gaultierkegel, modelt für Versace, und setzt mit Kleidung schillernde Zeichen. Ihr Outfit ist meine Montur. Cowboyhut, Hüfthosen, Boots … aber sag mir nicht, was Mode heißt, wenn sie aus Seide, vom Couturier und zu viel teuer ist. Ich will Mode für mich. Ich will tragen, was Madonna trägt. Erst stähl ich meinen Body beim Jogging und im Anzug von Madge, dann stehle ich der Königin die Schau.

… 

fülle

Madonna erscheint uns in ihrer imaginierten Opulenz, ihrer eindeutigen Frivolität, ihrer sinnlichen Wollust, als vorbildliche Tabubrecherin. Sie widersetzt sich bestehenden Konventionen, hinterfragt Werte, spielt mit allen Regeln der Kunst und spiegelt so zugleich das gut gewirkte permanent funktionierende Netz der Mode wider. Sie nutzt den weiten Raum zwischen Willkür und Notwendigkeit, den die Mode uns eröffnet, und füllt ihn wie’s ihr passt. Sie spielt sich hoch zum Maß der Dinge.

Es ist das Phänomen Mode, das dieses Spiel erlaubt, diese Friktion zwischen Sollen und Wollen, die Bewegung zwischen moralischen Vorstellungen und vergnüglichen Reizen. Friktion ist Reibung, Widerstand, Hindernis, immer Bewegung und kein Zustand. Friktion ist erotisch. Sie ist das Knistern, das Wollust erzeugt. Sie ist körperlich und sinnlich. Es ist die Bewegung, die den Raum der Fülle erfasst, das Netz eines Begehrens, das sich selbst genügt. 

Aber es geht ja nie nur um das Eine, hier und jetzt nicht um das Echte. Wahr ist, was ist, und was sein kann. Echt wahr! Alles, was in der Mode Sinn macht, ist mit sich selbst identisch. Solange wir Madonna verstehen wollen, ist das, was sie macht und trägt Mode.

 

friktion

Fragen wir nicht nach einem tieferen Sinn. Es würde uns verzweifeln. Sprechen wir lieber von den surfaces, den spannungsvollen Erscheinungen, von dem, das Form annimmt und uns etwas bedeutet. Betrachten wir unser surplus. Schauen wir auf die Oberflächen, wie sie sich aneinander reiben, wie sie Spannungen erzeugen. Das Knistern der Stoffe, das Rauschen der Kleider, der Schrei der Seide. Alles geschieht durch Reibung, durch Widerstände, durch Störungen. Madonna produziert, potenziert und korporalisiert diese Friktionen. Sie trägt sie aus und vor, unwiderstehlich. Madonna verkörpert hybride. 

Was wir daraus machen, bleibt bei uns. Es ist eine Wollust die uns willkürlich widerfährt, diese Kür ist nicht planbar. Madonna spielt mit ihren Erscheinungen und wir spielen mit ihren Nachahmungen. Die Regeln sind nicht vor geschrieben, sie sind immer wieder nur erlebt und nachvollziehbar. Freiheit stellt sich ein. Im Verlust durch unvollständige Übertragung und durch nachlässige, eigensinnige Nachahmung ist ein Freiraum erfahrbar. Es ist dieser Zwischenraum, energetisch durch Reibungen aufgeladen, der Wahrnehmen lässt. Hier zeigt sich mir, was ist. Dein Sinn ist mein sinnvoll.

 

fiktion

It, it, it – schwarzaufweiß, Madonna prügelt es uns ein: es ist Mode. Wir müssen es buchstabieren, es lernen, es wissen. Das müssen wir ihr glauben. Sie ist die Herrscherin der Mode, Domina über Schwarz und Weiß. Sie ist die Klarheit, die Strenge, die Polarität und das Dogma. Sie ist das M von Madonna, ihre Kollektion die vestimentäre Entsprechung und das Werbefilmchen die große Erzählung der Mode. Der clip ist pure Ideologie und reine Propaganda, eine vergnügliche Metaphernkeule, alles stark polarisiert und ironisiert, Schwarz und Weiß eben. Die Geschichte ist schwer erzählt, sie sollte gesehen werden: www.youtube.com/watch?v=vGZ76iJdToU. Mein Blick ist mein Versuch.

 

fülle deiner oberflächen

Madonna ist immer auch bildliche Erscheinung. Ihr image ist kein Abbild ihrer selbst, sondern immer nur unser Erscheinungsbild. Madonna imaginiert sich nur im Rahmen unserer Wahrnehmung. Die Mode, die Madonna verkörpert, wird nur durch unsere Imagination zur Mode. Unsere Vorstellungskraft, unsere Phantasie, produziert die Fülle ihrer Erscheinungen. Madonna versteht es, unsere Aufmerksamkeit zu erregen, aber sie beherrscht sie nicht. Der Eindruck, den sie macht, trifft uns immer wieder anders, erzeugt immer wieder anderes. Sie erfindet sich nicht neu, sie schafft es vielmehr, immer wieder anders zu erscheinen.

Die kleine Geschichte des Filmchens ist die Illustration einer Funktionsweise. Sie kann als erhellende, als erläuternde Visualisierung der großen Erzählung Madonnas gesehen werden. Madonna will uns erleuchten. Ihr Scheinen ist unser Anschein von Bedeutung. Wir können uns damit begnügen, uns vergnügen oder es lassen und Imitationen hassen.

 

fülle deine oberflächen

Madonna ist eine Projektion. In ihr erkennen wir unser Wollen und Sollen. Aber auch unser Wissen über die eigene Stimme klingt hier an. Sicherlich lässt sich das Handtuch werfen. Aber alles lässt sich rekapitulieren: Madonnas Mode, ihre Gesten, ihre Küsse, ihre Titten, unser Körper: mein Eigentum. Reklamiere deinen Eigensinn, beanspruche mehr Raum, verfüge über deine Bilder, fordere deinen Körper ein. Aber nicht von den anderen, denn das sind wir selbst. Sei deine eigene Deklamation, behaupte dich, bewege den eigenen Arsch zu deinem Vergnügen. Sei achtsam und suffragistisch: Hey, just be yourself!

 

 

So imitieren, dass ich bin, was ich imitiere.   Hubert Fichte

 

 

(in ganzer Länge erschienen in: Madonna und wir, hg.v. Kerstin u. Sandra Grether, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2008, S.211-218.)