Madonna’s Style – Ein moderner Attitüdenaktionismus

Rebellion ist die immer wiederkehrende Erneuerung eines nie endenden Kampfes. Vorausgesetzt, es gibt zwei Seiten und eine Front, die als Grenzlinie immer wieder neu zu markieren ist. Wie in der Mode, die ihre Reviere in In&Out unterteilt. Aufruhr wird definitionsgemäß von der machtlosen Gruppe angezettelt, um ihren Handlungsspielraum zu erweitern. Diese ausgeschlossene Minderheit ist oft die Masse. Außenseiter, Underdogs, Avantgardisten und Andere fordern widerständisch ihr Recht zum Sosein von den Herrschenden. Und Madonna? – Express yourself! – Alle sollen so sein dürfen, wie sie sind. Ziel ist es also scheinbar, die Grenzen der Konvention zu übertreten und zu verschieben, um sie letztlich aufzuheben. Die entstehenden Freiräume sollen als Spielräume neu und immer wieder anders nutzbar gemacht werden.

Aha! Aber mit diesem Nutzen beginnt doch das ganze Dilemma …

Populäre Rebellin – Kann eine Rebellin populär sein? Ist Madonna eine massenwirksame Aufrührerin? Oder ist Rebellion nicht vielmehr immer ein Kampf von Minderheiten? Gehen Widerstand und Widersinn hier gar eine Allianz ein? Passen Popkultur und Auflehnung doch irgendwie zusammen? Ist das möglich, darf es dieses Paradox geben? Was sagen Vorreiter, Unterwanderer und ihre unabhängigen Gegner dazu? „Ich bin dafür, dass Ihr dagegen seid!“, könnte Madonna ihnen entgegen singen. Sie will ja gar nichts umstürzen, verändern oder erneuern, oder so. Sie fühlt sich nämlich wohl im Mainstream. Lässt sich hier genüsslich treiben und will möglichst viele mitnehmen auf ihre Entdeckungsreise, die gerade keine rein musikalische ist. In diesem kollektiven Gedächtnisstrom entdecken wir mit ihr den weiblichen Körper nicht neu, sonders anders: grenzenlos, ausgelotet, verwertet und abgeschmackt. Alles, was an den Ufern, den Randzonen, den Grenzgebieten sich so tummelt, wird mit ins Bild genommen. All diese scheinbaren gesellschaftlichen Randerscheinungen eignet sie sich an. Madonnas populäres Image ist die mediale Transformation all dieser Gegen- und Subkulturen, die Übertragung von unten und außen ins Hier und Jetzt. Ihr Outfit bringt es an die Oberfläche, und zwar als reiner Effekt und glänzende Substanzlosigkeit. Yeah! – Strike a pose!

Pop und Pose – Das Vogue-Video von 1990 führt vor, was es heißt, sich über das Äußere zu positionieren. Hier wird die Pose als popkulturelle Kür auf dem Dancefloor aufgeführt. Der Song fordert auf, sich dorthin zu flüchten, um sich selbst zu entdecken. Das oberflächliche Image wird gespeist durch die eigene Inspiration. Jede Pose zeigt und begründet gleichzeitig eine Haltung. Deine Haltung zu Dir selbst, zu den anderen, zur Gesellschaft und zu Madonna. Tanzende Männer, so erotisch und so schwul. Schwarze Spitze, nackte Brüste, Frauen in Anzügen und Madonna im Korsett! Das Video zeigt vor allem, was darunter liegt, unter der starren konventionalisierten Haltungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, und es zeigt spielerisch auch anderes. Dieses Spiel aber ist so einfach, die Regeln sind zu leicht durchschaut, die Spielzüge immer die gleichen. Unterwäsche wird zum Sinnbild einer oberflächlich widerständischen Attitüde. Der Herrenanzug als Parade männlicher Macht steht auch den Frauen zu Gesicht. Zarte Seide und harte Diamanten betonen den Wert einer Frau für sie und ihn. Madonna hält alle Zügel in der Hand, weist die Rollen zu, demonstriert ihre Macht. Zeitigt das noch eine Wirkung? Kann uns das heute noch unterhalten? Und das soll sie doch, die Popkultur: unterhaltsam sein, für viele. Das Populäre soll doch immer irgendwie sehr vielen recht viel Spaß machen. Madonnas Pop ist Massenkultur, ihre Posen müssen konventionell sein, wenn sie verstanden werden wollen. Aber wollen wir das heute noch? Müssen wir uns noch immer so augenscheinlich in Pose werfen lassen, um uns zu unterhalten?

Attitüdenaktivismus – Welche Haltung vertritt Madonna heute? Hey you, just be yourself! Sei nicht schüchtern, verbünde dich mit Mutter Courage, ihren Kindern aus Malawi und rette die Welt! So erscheint sie uns heute und bezieht mit ihrem Dokumentarfilm „I am because we are“ eindeutig eine wirklich nützliche Position. Sie schildert eindrucksvoll das trostlose Leben all dieser verwaisten großen Kinderaugen und bittet weltweit um großzügige Spenden. Sie spricht von echter Nützlichkeit und handelt danach. Ein bitterer Zynismus lässt sich dennoch nicht unterdrücken, wenn sie im Interview sagt: „Ich bin ein anderer Mensch geworden …“, um sich kurz darauf mit Hard Candy mal wieder neu zu erfinden. Für wen steht sie ein, wen spricht sie an. Wer kann das wissen, wenn nicht deutlich wird, wer dahinter steht. Hey you, save yourself. Don’t rely on anyone else. Bei all dieser Widersprüchlichkeit verliert sich die Pose als Ausdruck eines bedeutungsvollen Seelenzustands und wird zur Attitüde einer altersweisen Diva. Sie wird lachhaft und wirkt lächerlich. Pop macht hier die Pose zu Posse!

Modeaufstand – Ist der Aufstand also nur noch eine Mode? Oder ist es die Mode, die aufständisch ist? Oder beides? Mode ist immer gegen etwas und für etwas, sie schließt ein und grenzt aus, sucht das Neue und findet es im Alten. Mode ist an sich paradox, genau wie Madonna. Madonna verkörpert Moden. Sie bringt sie zur Aufführung und damit zur Welt. Die Einflüsse sind und bleiben immer fließend, verlaufen von oben nach unten, von unten nach oben bis hin zu In & Out. Nicht nur in ihren Videos, ihren Bühnenoutfits oder Interviews, sondern vor allem auch in ihren Werbekampagnen für Kosmetik, Kleidung und Autos setzt Madonna Trends. Immer bewegt sie sich zwischen Hochkultur und dem Futter für die Massen, zwischen High- und Low-Culture. Modisch bewegt sie sich zwischen Versace und GAP, Gaultier und H&M. Das Entscheidende daran ist, dass heute beide Richtungen der Einflussnahme möglich sind. Trends werden nicht mehr nur von irgendeiner gesellschaftlichen Elite diktiert, sondern kommen ebenso aus dem weiten Feld der differenten Massen. In der Mode ist spätestens seit den 1980ern die Top-Down-Einbahnstraße des Trensetting durch die Bottom-Up-Gegenfahrbahn erweitert worden. Und Madonna nutzt zielorientiert beide Wege. Beyond culture – just perfect! Sie wirkt wie ein präziser Katalysator im Getriebe der Modemaschinerie und bringt zielsicher deren Räder zum rotieren. Eines dieser Rädchen ist das Zeichen der Rebellion. Mode funktioniert, wie eine erfolgreiche Revolution, nur durch die Erneuerung machtvoller Zeichen. Nur geschieht dieser mittlerweile routinierte Umbruch bei Madonna und in der Mode immer schneller und immer öfter. Was heute Mode bedeutet, ist morgen von gestern. Was gestern noch rebellisch war, erscheint morgen im modischen Massenlook. Empörung macht sich breit. Das kann man doch nicht mehr ernst nehmen! Müssen wir auch nicht, wir sollen uns ja nur amüsieren, und uns unterhalten lassen. Dahinter, hinter den modischen Erscheinungsbildern von Madonna, liegt keine verborgene Erkenntnis. Madonna und die Mode haben keine Botschaft, sie haben nur noch einen Look. Und der ist oftmals spektakulär rebellisch. Jede Haltung verkommt in diesem Spiel zur aktuellen Anekdote einer lustvollen Attitüde. Der Zenit ist erreicht, die Graswurzeln des Tales sind kultiviert, die Verbindungstrasse ist mehrspurig und wir stehen im Stau. Mode verliert hier ihre Autorität, und wir? Wir verlieren unseren Spaß an Madonna!

Affirmativer Widerstand – Mit Cowboyhut und Kimono gegen die Dominanz des Marktes, mit den Zeichen des Systems gegen seine Herrschaft? Mich langweilen die ewig gestrigen Ikonen des American Way of Life und entsprechend ihre offensichtlichen Gegenentwürfe. Aber mich interessieren die Marktmechanismen der Mode. Und zwar insbesondere dort, wo sie sich so augenscheinlich offenbaren, nämlich im H&M-Werbeclip zur Kollektion „M by Madonna“. Das Filmchen zeigt ohne Vorbehalte das Prinzip der Mode und somit das von Madonna: Aufstand, Arroganz, Abgrenzung, Affirmation, Ambivalenz und ewige Aktualität. Die Kleidungsstücke sind Schwarz und Weiß, die Protagonisten gut und böse. I’m bored with the concept of right and wrong! Ein wenig rotes Herzblut markiert die Wende vom contra zum pro, schließlich soll hier ein junges Mädchen in Sachen Mode mal so richtig ordentlich belehrt und bekehrt werden. Natürlich von niemand anderem als der peitschenschlagenden Domina höchstpersönlich, der Mode in persona. Madonna ist Mode ist H&M. Und alle drei wollen möglichst viel für viele und nur für sich. Sie bieten uns Möglichkeiten zur Identifikation, zur Spiegelung und zur Selbstfindung, und wir zahlen dafür. Imitationen von widerspenstigen Selbstinszenierungen auf der einen Seite für volle Kassen auf der anderen Seite einer wirkungsvollen, medialen Bebilderungsmaschinerie.

Zweck der Zwänge – Bemerkenswerterweise kommen wir jedoch auch auf unsere Kosten. Wir finden uns wieder in diesen Oberflächen, diesen Kleidchen und Höschen. Und sie passen sogar! Denn längst haben wir uns angepasst, den präsentierten Körperbildern, sind diesen perfekten Ärschen nachgeeifert, haben uns regelmäßig ganz rebellisch immer wieder von Neuem revolutioniert. Wie das geschehen konnte? Na, selbstverständlich durch die perfekte, gezielte und nutzenorientierte Inszenierung von Rebellion und ihrer Bejahung. Madonna stattet uns mit einem Selbstverständnis aus, das sich geradezu natürlich einhüllt in die Monturen für den Kampf gegen das Gegensätzliche, gegen die Festschreibung der Pole. Wir kämpfen mit ihr gegen das Böse und für das Gute und zwar mit allen Mitteln der Macht. Denn der Zweck heiligt ja bekanntlich alle Mittel und Wege, also auch die Vereinnahmung und die Grenzüberschreitung. Richtig und falsch sind doch letztlich nur noch in oder out, je nachdem wie wir uns kleiden. Die scheinbaren Widersprüche werden scheinbar aufgelöst und im Modezirkus von Madonna domptiert.

Mediale Maskeraden – Dabei handelt es sich bei Madonnas Modestatements lediglich um Enthüllungen und Verkleidungen ihres eigenen unbändigen Machtwillens. Es sind die Bilder von Weiblichkeit und Männlichkeit, von Sexualität, über die sie herrschen möchte. Aber nicht dadurch, dass sie diese erneut festschreiben möchte. Sondern sie versucht vielmehr, die Grenzlinien zu verwischen und die Grenzen des Möglichen zu erweitern. Borderline feels like I’m going to lose my mind! Geschlechterrollen werden so zu substanz- und gedankenlosen Masken. Madonna schlüpft in sie hinein, probiert sie aus, parodiert sie. Sie ist das Mädchen in Jeans, die Lady in Seide, die Dirne mit roten Strapsen und die Domina in schwarzem Leder. Und sie füllt diese Rollen aus, überzeugt als perfekte Medialisierung ihrer Selbst. Sie wird zum Medium all dieser Botschaften, ist eine Maskerade an sich, ein mediales Phänomen. Ohne die Massenmedien wäre sie nicht Madonna, sondern nur eine Frau, die irgendwo in der Welt verschiedene Rollen spielt und sich gern verkleidet. Genauso wie die Mode, für die sie wirbt, die sie trägt und die sie ist, gibt es sie nur medial vermittelt. Sie ist ihr eigenes Klischee. Jedes Video und jeder Auftritt ist eine endlose Abfolge von unterschiedlichsten Frauenbildern. Die unzähligen Kleidungsstile und Inszenierungsformen zeigen jedoch immer wieder nur das eine, nämlich die Wandlungsfähigkeit einer Frau, die über sich selbst bestimmen möchte. Egal, was sie dabei trägt.

Widerspenstig gespenstige Gaultiertitten – Es ist also scheinbar gar keine Frage mehr, wie wir uns entscheiden. Ob Haute Couture aus Paris oder die Konfektion von der asiatischen Stange, alles ist Mode. Vielmehr wichtig erscheint nun doch, was wir damit machen, wie wir uns inszenieren, welche Rollen wir spielen dürfen und welche Masken uns vermummen. Aufstand, Arroganz, Abgrenzung, Affirmation, Ambivalenz und ewige Aktualität! Madonna empfiehlt uns, neben Versace, ja auch H&M. Und letztere liefern wesentlich schneller, breiter und vor allem bezahlbar. Die hohe Schneiderkunst kommt da gar nicht mehr mit. Hier hat nur noch das individuelle Einzelstück wirklich Sinn, untragbar für die Massen. So zuletzt gesehen auf der „Confessions on a dancefloor“-Tour, und zwar siebenmal. Alle Outfits, auch die der Bühnencrew, wurden entworfen und produziert von Jean-Paul Gaultier, der gern mal ungewöhnliche Frauen in formende Rollengewänder zwängt und damit die Mode erneuert. Yeah, you made me feel shiny and new! Wie Madonnas glänzende Kegelbrüste am steifen Korsett, damals 1990 bei der „Blond-Ambition“-Tour. Fülle deinen Körper in die gewünschten Oberflächen und produziere so eine Fülle medialer Oberflächen. Wirklich geisterhaft meisterhaft, aber widerständig? Das ist doch keine Mode mehr, sondern reine Verkleidungskunst und eine künstlerische Vision. Heute funktioniert die wirklich interessante Mode so, wie Madonna es uns mit Hennes und Mauritz vorführt, als massenkompatibles mediales Identifikationssystem. Gaultiers Kegelbrüste und Peitschen von der Stange, das könnte mich noch reizen.

Sex sells – Der unbekleidete Körper, das nackte Fleisch und die pure Lust sind jedoch schon lange nicht mehr der Anlass zum Kauf, wenn sie es jemals waren. Nicht im öden Wissen um die spröde Macht des Körpers liegt die Faszination der Begierde offen dar, sondern vielmehr tief verborgen im überwältigenden Ahnen unbekannter Feuchtgebiete. Hier suchen wir unser Begehren und finden uns orientierungslos im Morast von Madonnas betörenden Vexierbild. She’s trouble in a word get closer to the fire! Mit nacktem Sex, angezogener Erotik und jenseits vom Gender Trouble gelingt Madonna keine kritische Geste mehr, falls sie eine solche jemals zum Ausdruck bringen wollte. Viel offensichtlicher steht sie schon seit langem jenseits von Gut und Böse, von Schwarz und Weiß. Beyond race, beyond gender, beyond religion! Sie steht jenseits jeder widerständischen Kultur, jenseits jeglichen Kampfes, ausgenommen den täglichen Kampf gegen ihren eigenen Körper. The real enemy is you. You say you’re political, I say: „Screw that, you’re just a fool!“ Sie verkauft ihren Sex, ihre Idee vom Körper einer Frau und dazu das passende Outfit. Das ist heute weder widerständisch, noch innovativ, noch provokativ. Es nicht einmal mehr inspirierend, aber es verkauft sich gut. Denn das ganze Spiel um Inszenierung, Maskerade und Rebellion hat ein sehr effektives Ziel: Absatz und Umsatz. Sobald jedoch Rebellion diesen bestimmten Nutzen hat, ist der Aufstand nicht mehr widerständisch sondern nur noch affirmativ. Das ist Madonnas Prinzip, und damit ist sie eindeutig auch heute noch in Mode. Music makes the bourgeosie and the rebel! – Widerstand ist immer zwecklos!

 

Zum Weiterlesen

Madonna und wir. Bekenntnisse, hg. v. Kerstin u. Sandra Grether, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2008.

Lips Tits Hits Power? Popkultur und Feminismus, hg. v. Anette Baldauf u. Katharina Weingartner, Wien/Bozen: Folio 1998.

Wolf, Naomi: Der Mythos Schönheit, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1991.

Willis, Paul: Spaß am Widerstand. Gegenkultur in der Arbeiterschule, Frankfurt am Main: Syndikat 1977.