{"id":24,"date":"2008-11-10T16:03:36","date_gmt":"2008-11-10T15:03:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dagmar-venohr.de\/wordpress_neu\/?p=24"},"modified":"2019-03-26T16:34:43","modified_gmt":"2019-03-26T15:34:43","slug":"madonnas-style-%e2%80%93-ein-moderner-attitudenaktionismus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dagmar-venohr.de\/wordpress498\/?p=24","title":{"rendered":"Madonna&#8217;s Style \u2013 Ein moderner Attit\u00fcdenaktionismus"},"content":{"rendered":"<p><!--StartFragment--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Rebellion ist die immer wiederkehrende Erneuerung eines nie endenden Kampfes. Vorausgesetzt, es gibt zwei Seiten und eine Front, die als Grenzlinie immer wieder neu zu markieren ist. Wie in der Mode, die ihre Reviere in In&amp;Out unterteilt. Aufruhr wird definitionsgem\u00e4\u00df von der machtlosen Gruppe angezettelt, um ihren Handlungsspielraum zu erweitern. Diese ausgeschlossene Minderheit ist oft die Masse. Au\u00dfenseiter, Underdogs, Avantgardisten und Andere fordern widerst\u00e4ndisch ihr Recht zum Sosein von den Herrschenden. Und Madonna? \u2013 <em>Express yourself! <\/em>\u2013 Alle sollen so sein d\u00fcrfen, wie sie sind. Ziel ist es also scheinbar, die Grenzen der Konvention zu \u00fcbertreten und zu verschieben, um sie letztlich aufzuheben. Die entstehenden Freir\u00e4ume sollen als Spielr\u00e4ume neu und immer wieder anders nutzbar gemacht werden.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Aha! Aber mit diesem Nutzen beginnt doch das ganze Dilemma &#8230;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"text-decoration: none;\">Popul\u00e4re Rebellin<\/span><\/span> \u2013 Kann eine Rebellin popul\u00e4r sein? Ist Madonna eine massenwirksame Aufr\u00fchrerin? Oder ist Rebellion nicht vielmehr immer ein Kampf von Minderheiten? Gehen Widerstand und Widersinn hier gar eine Allianz ein? Passen Popkultur und Auflehnung doch irgendwie zusammen? Ist das m\u00f6glich, darf es dieses Paradox geben? Was sagen Vorreiter, Unterwanderer und ihre unabh\u00e4ngigen Gegner dazu? \u201eIch bin daf\u00fcr, dass Ihr dagegen seid!\u201c, k\u00f6nnte Madonna ihnen entgegen singen. Sie will ja gar nichts umst\u00fcrzen, ver\u00e4ndern oder erneuern, oder so. Sie f\u00fchlt sich n\u00e4mlich wohl im Mainstream. L\u00e4sst sich hier gen\u00fcsslich treiben und will m\u00f6glichst viele mitnehmen auf ihre Entdeckungsreise, die gerade keine rein musikalische ist. In diesem kollektiven Ged\u00e4chtnisstrom entdecken wir mit ihr den weiblichen K\u00f6rper nicht neu, sonders anders: grenzenlos, ausgelotet, verwertet und abgeschmackt. Alles, was an den Ufern, den Randzonen, den Grenzgebieten sich so tummelt, wird mit ins Bild genommen. All diese scheinbaren gesellschaftlichen Randerscheinungen eignet sie sich an. Madonnas popul\u00e4res Image ist die mediale Transformation all dieser Gegen- und Subkulturen, die \u00dcbertragung von unten und au\u00dfen ins Hier und Jetzt. Ihr Outfit bringt es an die Oberfl\u00e4che, und zwar als reiner Effekt und gl\u00e4nzende Substanzlosigkeit. Yeah! \u2013 <em>Strike a pose!<\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Pop und Pose<\/span> \u2013 Das <em>Vogue<\/em>-Video von 1990 f\u00fchrt vor, was es hei\u00dft, sich \u00fcber das \u00c4u\u00dfere zu positionieren. Hier wird die Pose als popkulturelle K\u00fcr auf dem Dancefloor aufgef\u00fchrt. Der Song fordert auf, sich dorthin zu fl\u00fcchten, um sich selbst zu entdecken. Das oberfl\u00e4chliche Image wird gespeist durch die eigene Inspiration. Jede Pose zeigt und begr\u00fcndet gleichzeitig eine Haltung. Deine Haltung zu Dir selbst, zu den anderen, zur Gesellschaft und zu Madonna. Tanzende M\u00e4nner, so erotisch und so schwul. Schwarze Spitze, nackte Br\u00fcste, Frauen in Anz\u00fcgen und Madonna im Korsett! Das Video zeigt vor allem, was darunter liegt, unter der starren konventionalisierten Haltungen von M\u00e4nnlichkeit und Weiblichkeit, und es zeigt spielerisch auch anderes. Dieses Spiel aber ist so einfach, die Regeln sind zu leicht durchschaut, die Spielz\u00fcge immer die gleichen. Unterw\u00e4sche wird zum Sinnbild einer oberfl\u00e4chlich widerst\u00e4ndischen Attit\u00fcde. Der Herrenanzug als Parade m\u00e4nnlicher Macht steht auch den Frauen zu Gesicht. Zarte Seide und harte Diamanten betonen den Wert einer Frau f\u00fcr sie und ihn. Madonna h\u00e4lt alle Z\u00fcgel in der Hand, weist die Rollen zu, demonstriert ihre Macht. Zeitigt das noch eine Wirkung? Kann uns das heute noch unterhalten? Und das soll sie doch, die Popkultur: unterhaltsam sein, f\u00fcr viele. Das Popul\u00e4re soll doch immer irgendwie sehr vielen recht viel Spa\u00df machen. Madonnas Pop ist Massenkultur, ihre Posen m\u00fcssen konventionell sein, wenn sie verstanden werden wollen. Aber wollen wir das heute noch? M\u00fcssen wir uns noch immer so augenscheinlich in Pose werfen lassen, um uns zu unterhalten?<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Attit\u00fcdenaktivismus<\/span> \u2013 Welche Haltung vertritt Madonna heute? <em>Hey you, just be yourself! <\/em>Sei nicht sch\u00fcchtern, verb\u00fcnde dich mit Mutter Courage, ihren Kindern aus Malawi und rette die Welt! So erscheint sie uns heute und bezieht mit ihrem Dokumentarfilm \u201eI am because we are\u201c eindeutig eine wirklich n\u00fctzliche Position. Sie schildert eindrucksvoll das trostlose Leben all dieser verwaisten gro\u00dfen Kinderaugen und bittet weltweit um gro\u00dfz\u00fcgige Spenden. Sie spricht von echter N\u00fctzlichkeit und handelt danach. Ein bitterer Zynismus l\u00e4sst sich dennoch nicht unterdr\u00fccken, wenn sie im Interview sagt: \u201eIch bin ein anderer Mensch geworden &#8230;\u201c, um sich kurz darauf mit <em>Hard Candy<\/em> mal wieder neu zu erfinden. F\u00fcr wen steht sie ein, wen spricht sie an. Wer kann das wissen, wenn nicht deutlich wird, wer dahinter steht. <em>Hey you, save yourself. Don\u2019t rely on anyone else.<\/em> Bei all dieser Widerspr\u00fcchlichkeit verliert sich die Pose als Ausdruck eines bedeutungsvollen Seelenzustands und wird zur Attit\u00fcde einer altersweisen Diva. Sie wird lachhaft und wirkt l\u00e4cherlich. Pop macht hier die Pose zu Posse!<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Modeaufstand<\/span> \u2013 Ist der Aufstand also nur noch eine Mode? Oder ist es die Mode, die aufst\u00e4ndisch ist? Oder beides? Mode ist immer gegen etwas und f\u00fcr etwas, sie schlie\u00dft ein und grenzt aus, sucht das Neue und findet es im Alten. Mode ist an sich paradox, genau wie Madonna. Madonna verk\u00f6rpert Moden. Sie bringt sie zur Auff\u00fchrung und damit zur Welt. Die Einfl\u00fcsse sind und bleiben immer flie\u00dfend, verlaufen von oben nach unten, von unten nach oben bis hin zu In &amp; Out. Nicht nur in ihren Videos, ihren B\u00fchnenoutfits oder Interviews, sondern vor allem auch in ihren Werbekampagnen f\u00fcr Kosmetik, Kleidung und Autos setzt Madonna Trends. Immer bewegt sie sich zwischen Hochkultur und dem Futter f\u00fcr die Massen, zwischen High- und Low-Culture. Modisch bewegt sie sich zwischen Versace und GAP, Gaultier und H&amp;M. Das Entscheidende daran ist, dass heute beide Richtungen der Einflussnahme m\u00f6glich sind. Trends werden nicht mehr nur von irgendeiner gesellschaftlichen Elite diktiert, sondern kommen ebenso aus dem weiten Feld der differenten Massen. In der Mode ist sp\u00e4testens seit den 1980ern die Top-Down-Einbahnstra\u00dfe des Trensetting durch die Bottom-Up-Gegenfahrbahn erweitert worden. Und Madonna nutzt zielorientiert beide Wege. <em>Beyond culture \u2013 just perfect!<\/em> Sie wirkt wie ein pr\u00e4ziser Katalysator im Getriebe der Modemaschinerie und bringt zielsicher deren R\u00e4der zum rotieren. Eines dieser R\u00e4dchen ist das Zeichen der Rebellion. Mode funktioniert, wie eine erfolgreiche Revolution, nur durch die Erneuerung machtvoller Zeichen. Nur geschieht dieser mittlerweile routinierte Umbruch bei Madonna und in der Mode immer schneller und immer \u00f6fter. Was heute Mode bedeutet, ist morgen von gestern. Was gestern noch rebellisch war, erscheint morgen im modischen Massenlook. Emp\u00f6rung macht sich breit. Das kann man doch nicht mehr ernst nehmen! M\u00fcssen wir auch nicht, wir sollen uns ja nur am\u00fcsieren, und uns unterhalten lassen. Dahinter, hinter den modischen Erscheinungsbildern von Madonna, liegt keine verborgene Erkenntnis. Madonna und die Mode haben keine Botschaft, sie haben nur noch einen Look. Und der ist oftmals spektakul\u00e4r rebellisch. Jede Haltung verkommt in diesem Spiel zur aktuellen Anekdote einer lustvollen Attit\u00fcde. Der Zenit ist erreicht, die Graswurzeln des Tales sind kultiviert, die Verbindungstrasse ist mehrspurig und wir stehen im Stau. Mode verliert hier ihre Autorit\u00e4t, und wir? Wir verlieren unseren Spa\u00df an Madonna!<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Affirmativer Widerstand<\/span>\u00a0&#8211; <\/span>Mit Cowboyhut und Kimono gegen die Dominanz des Marktes, mit den Zeichen des Systems gegen seine Herrschaft? Mich langweilen die ewig gestrigen Ikonen des American Way of Life und entsprechend ihre offensichtlichen Gegenentw\u00fcrfe. Aber mich interessieren die Marktmechanismen der Mode. Und zwar insbesondere dort, wo sie sich so augenscheinlich offenbaren, n\u00e4mlich im H&amp;M-Werbeclip zur Kollektion \u201eM by Madonna\u201c. Das Filmchen zeigt ohne Vorbehalte das Prinzip der Mode und somit das von Madonna: Aufstand, Arroganz, Abgrenzung, Affirmation, Ambivalenz und ewige Aktualit\u00e4t. Die Kleidungsst\u00fccke sind Schwarz und Wei\u00df, die Protagonisten gut und b\u00f6se.<em> I&#8217;m bored with the concept of right and wrong!<\/em> Ein wenig rotes Herzblut markiert die Wende vom contra zum pro, schlie\u00dflich soll hier ein junges M\u00e4dchen in Sachen Mode mal so richtig ordentlich belehrt und bekehrt werden. Nat\u00fcrlich von niemand anderem als der peitschenschlagenden Domina h\u00f6chstpers\u00f6nlich, der Mode in persona. Madonna ist Mode ist H&amp;M. Und alle drei wollen m\u00f6glichst viel f\u00fcr viele und nur f\u00fcr sich. Sie bieten uns M\u00f6glichkeiten zur Identifikation, zur Spiegelung und zur Selbstfindung, und wir zahlen daf\u00fcr. Imitationen von widerspenstigen Selbstinszenierungen auf der einen Seite f\u00fcr volle Kassen auf der anderen Seite einer wirkungsvollen, medialen Bebilderungsmaschinerie.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Zweck der Zw\u00e4nge<\/span> \u2013 Bemerkenswerterweise kommen wir jedoch auch auf unsere Kosten. Wir finden uns wieder in diesen Oberfl\u00e4chen, diesen Kleidchen und H\u00f6schen. Und sie passen sogar! Denn l\u00e4ngst haben wir uns angepasst, den pr\u00e4sentierten K\u00f6rperbildern, sind diesen perfekten \u00c4rschen nachgeeifert, haben uns regelm\u00e4\u00dfig ganz rebellisch immer wieder von Neuem revolutioniert. Wie das geschehen konnte? Na, selbstverst\u00e4ndlich durch die perfekte, gezielte und nutzenorientierte Inszenierung von Rebellion und ihrer Bejahung. Madonna stattet uns mit einem Selbstverst\u00e4ndnis aus, das sich geradezu nat\u00fcrlich einh\u00fcllt in die Monturen f\u00fcr den Kampf gegen das Gegens\u00e4tzliche, gegen die Festschreibung der Pole. Wir k\u00e4mpfen mit ihr gegen das B\u00f6se und f\u00fcr das Gute und zwar mit allen Mitteln der Macht. Denn der Zweck heiligt ja bekanntlich alle Mittel und Wege, also auch die Vereinnahmung und die Grenz\u00fcberschreitung. Richtig und falsch sind doch letztlich nur noch in oder out, je nachdem wie wir uns kleiden. Die scheinbaren Widerspr\u00fcche werden scheinbar aufgel\u00f6st und im Modezirkus von Madonna domptiert.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Mediale Maskeraden<\/span> \u2013 Dabei handelt es sich bei Madonnas Modestatements lediglich um Enth\u00fcllungen und Verkleidungen ihres eigenen unb\u00e4ndigen Machtwillens. Es sind die Bilder von Weiblichkeit und M\u00e4nnlichkeit, von Sexualit\u00e4t, \u00fcber die sie herrschen m\u00f6chte. Aber nicht dadurch, dass sie diese erneut festschreiben m\u00f6chte. Sondern sie versucht vielmehr, die Grenzlinien zu verwischen und die Grenzen des M\u00f6glichen zu erweitern. <em>Borderline feels like I&#8217;m going to lose my mind! <\/em>Geschlechterrollen werden so zu substanz- und gedankenlosen Masken. Madonna schl\u00fcpft in sie hinein, probiert sie aus, parodiert sie. Sie ist das M\u00e4dchen in Jeans, die Lady in Seide, die Dirne mit roten Strapsen und die Domina in schwarzem Leder. Und sie f\u00fcllt diese Rollen aus, \u00fcberzeugt als perfekte Medialisierung ihrer Selbst. Sie wird zum Medium all dieser Botschaften, ist eine Maskerade an sich, ein mediales Ph\u00e4nomen. Ohne die Massenmedien w\u00e4re sie nicht Madonna, sondern nur eine Frau, die irgendwo in der Welt verschiedene Rollen spielt und sich gern verkleidet. Genauso wie die Mode, f\u00fcr die sie wirbt, die sie tr\u00e4gt und die sie ist, gibt es sie nur medial vermittelt. Sie ist ihr eigenes Klischee. Jedes Video und jeder Auftritt ist eine endlose Abfolge von unterschiedlichsten Frauenbildern. Die unz\u00e4hligen Kleidungsstile und Inszenierungsformen zeigen jedoch immer wieder nur das eine, n\u00e4mlich die Wandlungsf\u00e4higkeit einer Frau, die \u00fcber sich selbst bestimmen m\u00f6chte. Egal, was sie dabei tr\u00e4gt.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Widerspenstig gespenstige Gaultiertitten<\/span>\u00a0&#8211; Es ist also scheinbar gar keine Frage mehr, wie wir uns entscheiden. Ob Haute Couture aus Paris oder die Konfektion von der asiatischen Stange, alles ist Mode. Vielmehr wichtig erscheint nun doch, was wir damit machen, wie wir uns inszenieren, welche Rollen wir spielen d\u00fcrfen und welche Masken uns vermummen. Aufstand, Arroganz, Abgrenzung, Affirmation, Ambivalenz und ewige Aktualit\u00e4t! Madonna empfiehlt uns, neben Versace, ja auch H&amp;M. Und letztere liefern wesentlich schneller, breiter und vor allem bezahlbar. Die hohe Schneiderkunst kommt da gar nicht mehr mit. Hier hat nur noch das individuelle Einzelst\u00fcck wirklich Sinn, untragbar f\u00fcr die Massen. So zuletzt gesehen auf der \u201eConfessions on a dancefloor\u201c-Tour, und zwar siebenmal. Alle Outfits, auch die der B\u00fchnencrew, wurden entworfen und produziert von Jean-Paul Gaultier, der gern mal ungew\u00f6hnliche Frauen in formende Rollengew\u00e4nder zw\u00e4ngt und damit die Mode erneuert. <em>Yeah, you made me feel shiny and new!<\/em> Wie Madonnas gl\u00e4nzende Kegelbr\u00fcste am steifen Korsett, damals 1990 bei der \u201eBlond-Ambition\u201c-Tour. F\u00fclle deinen K\u00f6rper in die gew\u00fcnschten Oberfl\u00e4chen und produziere so eine F\u00fclle medialer Oberfl\u00e4chen. Wirklich geisterhaft meisterhaft, aber widerst\u00e4ndig? Das ist doch keine Mode mehr, sondern reine Verkleidungskunst und eine k\u00fcnstlerische Vision. Heute funktioniert die wirklich interessante Mode so, wie Madonna es uns mit Hennes und Mauritz vorf\u00fchrt, als massenkompatibles mediales Identifikationssystem. Gaultiers Kegelbr\u00fcste und Peitschen von der Stange, das k\u00f6nnte mich noch reizen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Sex sells<\/span> \u2013 Der unbekleidete K\u00f6rper, das nackte Fleisch und die pure Lust sind jedoch schon lange nicht mehr der Anlass zum Kauf, wenn sie es jemals waren. Nicht im \u00f6den Wissen um die spr\u00f6de Macht des K\u00f6rpers liegt die Faszination der Begierde offen dar, sondern vielmehr tief verborgen im \u00fcberw\u00e4ltigenden Ahnen unbekannter Feuchtgebiete. Hier suchen wir unser Begehren und finden uns orientierungslos im Morast von Madonnas bet\u00f6renden Vexierbild. <em>She\u2019s trouble in a word get closer to the fire!<\/em> Mit nacktem Sex, angezogener Erotik und jenseits vom Gender Trouble gelingt Madonna keine kritische Geste mehr, falls sie eine solche jemals zum Ausdruck bringen wollte. Viel offensichtlicher steht sie schon seit langem jenseits von Gut und B\u00f6se, von Schwarz und Wei\u00df. <em>Beyond race<\/em>, <em>beyond gender, beyond religion!<\/em> Sie steht jenseits jeder widerst\u00e4ndischen Kultur, jenseits jeglichen Kampfes, ausgenommen den t\u00e4glichen Kampf gegen ihren eigenen K\u00f6rper. <em>The real enemy is you. You say you\u2019re political, I say: \u201eScrew that, you\u2019re just a fool!\u201c<\/em> Sie verkauft ihren Sex, ihre Idee vom K\u00f6rper einer Frau und dazu das passende Outfit. Das ist heute weder widerst\u00e4ndisch, noch innovativ, noch provokativ. Es ist nicht einmal mehr inspirierend, aber es verkauft sich gut. Denn das ganze Spiel um Inszenierung, Maskerade und Rebellion hat ein sehr effektives Ziel: Absatz und Umsatz. Sobald jedoch Rebellion diesen bestimmten Nutzen hat, ist der Aufstand nicht mehr widerst\u00e4ndisch sondern nur noch affirmativ. Das ist Madonnas Prinzip, und damit ist sie eindeutig auch heute noch in Mode. <em>Music makes the bourgeosie and the rebel!<\/em> \u2013 Widerstand ist immer zwecklos!<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Zum Weiterlesen<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em>Madonna und wir. Bekenntnisse<\/em>, hg. v. Kerstin u. Sandra Grether, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2008.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em>Lips Tits Hits Power? Popkultur und Feminismus<\/em>, hg. v. Anette Baldauf u. Katharina Weingartner, Wien\/Bozen: Folio 1998.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Wolf, Naomi: <em>Der Mythos Sch\u00f6nheit<\/em>, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1991.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\">Willis, Paul: <em>Spa\u00df am Widerstand. Gegenkultur in der Arbeiterschule<\/em>, Frankfurt am Main: Syndikat 1977.<\/p>\n<p><!--EndFragment--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rebellion ist die immer wiederkehrende Erneuerung eines nie endenden Kampfes. Vorausgesetzt, es gibt zwei Seiten und eine Front, die als Grenzlinie immer wieder neu zu markieren ist. Wie in der Mode, die ihre Reviere in In&amp;Out unterteilt. Aufruhr wird definitionsgem\u00e4\u00df von der machtlosen Gruppe angezettelt, um ihren Handlungsspielraum zu erweitern. 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